Verkostungsnotizen schreiben: Methodik für Pu-Erh-Trinker

Warum aufschreiben, was du schmeckst

Du trinkst einen hervorragenden Shēng. Nächste Woche weißt du noch: war gut. In einem Monat: irgendwas Blumiges. In einem Jahr: nichts mehr. Dein Gaumen hat kein Langzeitgedächtnis. Dein Notizbuch schon.

Verkostungsnotizen sind kein akademisches Ritual. Sie sind ein Werkzeug. Sie helfen dir, Tees zu vergleichen, deine Vorlieben zu verstehen und Kaufentscheidungen zu treffen. Wer seine Sammlung ernst nimmt, dokumentiert sie.

Die Grundausstattung

Gerät

Verkoste immer im Gàiwán aus weißem Porzellan. Kein Yíxīng, kein Glas, kein Metall. Porzellan ist geschmacksneutral und zeigt die Aufgussfarbe unverfälscht.

Parameter standardisieren

Nur bei gleichen Bedingungen vergleichst du fair.

ParameterStandard
Teemenge5 g auf 100 ml (oder 7–8 g auf 150 ml)
WasserGefiltertes, weiches Wasser (TDS 30–80 mg/l)
Temperatur95 °C für Shóu und gereiften Shēng, 90 °C für jungen Shēng
SpülgangEinmal, 3–5 Sekunden
Aufgusszeiten10 s / 10 s / 15 s / 20 s / 30 s / 45 s / 60 s (anpassen nach Bedarf)
Aufgüsse dokumentiertMindestens 1., 3., 5. und 8. Aufguss

Umgebung

Keine starken Gerüche im Raum. Kein Parfüm, kein Kaffee, kein Räucherstäbchen. Nicht direkt nach dem Essen — der Gaumen braucht eine Stunde Abstand zu scharfen oder fettigen Speisen.

Die sechs Bewertungsdimensionen

1. Trockenes Blatt

Bevor du aufgießt: Schau dir das Blatt an, rieche daran.

  • Aussehen: Blattgröße, Farbspektrum, Knospenanteil, Bruch, Pressdichte
  • Aroma: Was riechst du? Rauch, Honig, frisches Gras, feuchte Erde?

2. Feuchtes Blatt (nach dem Spülgang)

Hebe den Gàiwán-Deckel. Die feuchten Blätter riechen intensiver als die trockenen.

  • Aroma: Was kommt heraus? Blüten, Obst, Holz, Gewürze?
  • Blattqualität: Sind die Blätter intakt? Flexibel oder brüchig? Gleichmäßig oder gemischt?

3. Aufgussfarbe

Halte die Tasse gegen weißes Licht.

FarbeBedeutung
Hellgelb, klarJunger Shēng
Goldgelb3–8 Jahre Shēng
Bernstein10–20 Jahre Shēng
Orange-Rot20+ Jahre Shēng oder natürlich gelagerter Shēng
KastanienbraunShóu oder feucht gelagerter alter Shēng
Schwarzrot, opakAlter Shóu oder intensiv feucht gelagerter Tee

4. Geschmack

Die vier Grundpfeiler plus Extras:

DimensionWas du suchst
SüßeSofort oder als Nachgeschmack? Honig, Frucht, Karamell?
BitterkeitAngenehm oder unangenehm? Verschwindet sie schnell?
Huí GānKehrt Süße zurück? Wie schnell, wie intensiv, wie lang?
Umami / MineralitätBrüheartiger Geschmack? Steinige, metallische Noten?
Adstringenz ()Zusammenziehend im Mund? Mild oder aggressiv? Löst sie sich?
SäureLeicht und belebend oder scharf und störend?

5. Mundgefühl

Wie fühlt sich der Tee im Mund an — unabhängig vom Geschmack?

  • Körper: Dünn / mittel / voll / ölig
  • Textur: Wässrig / seidig / samtig / rau / körnig
  • Gewicht: Leicht wie Wasser oder schwer und dicht?

Guter Gǔshù hat Mundgefühl. Das ist oft der deutlichste Unterschied zu Plantation-Tee: Gǔshù füllt den Mund, Plantation gleitet durch.

6. Nachhall und Entwicklung

  • Nachhall: Wie lange bleibt der Geschmack nach dem Schlucken? Sekunden? Eine Minute? Länger?
  • Entwicklung: Verändert sich der Tee über die Aufgüsse? Ein guter Pu-Erh erzählt eine Geschichte: Der erste Aufguss schmeckt anders als der fünfte, der fünfte anders als der zehnte.
  • Ausdauer: Wie viele Aufgüsse hält der Tee mit Substanz? Acht? Zwölf? Fünfzehn?

Das Notizformat

Minimal (für jeden Tee)

Tee: Yìwǔ Gǔshù 2019, Chángtài
Datum: 2026-03-23
Methode: 7g / 150ml / 95°C / Porzellan-Gàiwán
Aufgüsse: 12

Aroma: Honig, getrocknete Aprikose, leichter Rauch
Geschmack: Süß, leichte Bitterkeit die schnell in Huí Gān wandelt
Mundgefühl: Voll, seidig, ölig
Nachhall: Lang, blumige Süße bleibt 2+ Minuten
Entwicklung: 1-3 floral, 4-7 Honig/Stein, 8-12 süß/mild

Bewertung: 8/10
Nachkaufen: Ja, zum Lagern

Erweitert (für wichtige Verkostungen)

Zusätzlich pro Aufguss notieren:

  • Aufgusszeit
  • Farbe
  • Dominante Note
  • Besonderheiten

Das lohnt sich bei Vergleichsverkostungen oder wenn du einen Tee zum ersten Mal trinkst und sein Lagerpotenzial einschätzen willst.

Vergleichend verkosten

Die wertvollsten Verkostungen vergleichen zwei bis drei Tees nebeneinander:

  • Gleicher Berg, verschiedene Jahre — zeigt, wie der Jahrgang wirkt
  • Gleiche Fabrik, verschiedene Berge — zeigt Terroir
  • Gleicher Tee, verschiedene Lagerung — zeigt, was trockene vs. feuchte Lagerung bewirkt
  • Verschiedene Preisklassen — zeigt, ob teurer wirklich besser schmeckt

Verwende für Vergleichsverkostungen identische Gàiwáns, identische Parameter, identisches Wasser. Sonst vergleichst du Methoden statt Tees.

Bewertungsskala

Eine persönliche Skala hilft bei der Einordnung. Zehn Punkte sind genug.

PunkteBedeutung
1–3Fehlerhaft oder unangenehm. Schimmel, Chemie, flach.
4–5Akzeptabel. Kein Fehler, aber kein Charakter.
6Gut. Solider Tee ohne Überraschung.
7Sehr gut. Klar über dem Durchschnitt. Kaufenswert.
8Hervorragend. Komplex, einprägsam, Kaufempfehlung.
9Exzeptionell. Selten. Bleibt in Erinnerung.
10Perfekt — oder das Nächste daran. Kommt in einem Teetrinker-Leben ein paar Mal vor.

Die meisten Tees landen zwischen 5 und 7. Das ist normal. Ein 6er ist ein guter Tee. Inflationiere deine Skala nicht — sonst verliert sie ihren Wert.

Häufige Fehler

FehlerWarum er schadetLösung
Zu vage notieren („schmeckt gut”)Hilft beim Vergleich nichtMindestens drei konkrete Deskriptoren
Nur den ersten Aufguss bewertenPu-Erh verändert sich über die SessionMindestens vier Aufgüsse dokumentieren
Parameter nicht notierenNicht reproduzierbarImmer Menge, Temperatur, Gefäß angeben
Erwartungen statt Wahrnehmung notierenDu schmeckst, was du lesen willstErst trinken, dann Etikett lesen
Jede Session dokumentierenWird zur Last, du hörst aufNur bei neuen Tees oder Vergleichen

Zusammenfassung

FrageAntwort
Muss ich Notizen schreiben?Musst du nicht. Solltest du, wenn du sammelst.
Was ist das Minimum?Name, Datum, drei Stichworte, Bewertung, Nachkaufen ja/nein
Womit verkoste ich?Weißer Porzellan-Gàiwán, standardisierte Parameter
Wie werde ich besser?Vergleichsverkostungen. Nichts bildet schneller.

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